Carlos! Er muß als derjenige angesehen werden, der den Ball ins Spiel brachte. Früher selbst bei den Eisenbahnern auf dem Rodenhof im Vereinsfußball hinter der Pille her, besorgte er einen Ball und brachte in seiner mitreißenden Art sonst dem Bewegungssport eher abgeneigte Menschen dazu, sich auf abschüssigen Wiesen gegenseitig das Leder zuzuspielen. Solch eine Wiese lag nur wenige Schritte vom neuen Domizil entfernt. Dort spielten fast jeden Tag einige Italiener. Daneben waren dort viele Fußballbegeisterte allen Alters anzutreffen. Zu dieser Zeit trug es sich zu, dass auch Heiko B. immer öfter auf jenem Hangacker mitkickte, ohne daß es schon eine Mannschaft gab. Ein guter Freund von Carlos, war öfter in der Leipziger Straße zu Gast. Mehr oder weniger regelmäßig waren dort also Michael B, Carlos G und Heiko B anzutreffen. Thomas F und Michael S. wehrten sich zu dieser Zeit noch vehement gegen das Fußballspielen. Doch auch sie sollten ihren Anteil am fußball-besetzten 52er Wahn bekommen. Thomas F war in der Eifel bei der Bundeswehr und lernte dort echte "Molschder Jungs" (Proletarier aus dem Saarbrücker Bezirk Malstatt) kennen, und traf nun in der Leipziger zufällig einen ehemaligen Kameraden. Ein Grund zum Feiern, dachten beide. So trafen Studenten und Molschder Jungs mit viel Bier aus handlichen Liter-Flaschen zusammen. Sicher, die unterschiedlichen Sozialisationsstrukturen blieben nicht verborgen. Doch die Kraft der Gerste schlug die erste Brücke. Die zweite der Ball. Wobei Bier und Ball natürlich ebenso in innigem Verhältnis stehen wie die Form unseres Globus mit dem runden Leder. Die Molschder fanden es ganz locker in der WG und kamen öfter. Es entstand ein richtiger Kontakt zwischen etwas derben aber herzlichen "Molschdern" und Studis aus der Leipziger 52. Besonders zu den häufigen Parties kamen die "Molschder Jungs" gerne, tranken ausgiebig und gehörten so zwangsläufig zum Umfeld der Leipziger. Irgendwann sahen die Molschder den Ball im langen Flur der WG und meinten: "Ihr spielt Fußball, wir würden gern mal ein Spiel gegen die Studenten machen"! Das erste Spiel wurde ausgemacht. Da waren natürlich auch Michael S und Thomas F, der ansonsten gar nichts mit Fußball am Hut hat, dabei. Den Rest der Mannschaft füllte Carlos mit Kollegen seiner Schule auf. Carlos war nämlich gerade dabei, das Abi nachzumachen. Auf der Seite der Leipziger spielten, wobei Carlos einige Mitspieler auf dem Saarlandkolleg fand, also neben Carlos, Michael B, Michael S, Thomas F, Heiko B noch Axel K. Jenes historische Fußballfest, die Geburtsstunde einer großen enthusiastischen Gemeinde, fand im Februar 1990 auf den Leipziger Wiesen statt. Die "Molschder" erreichten nach kurzer Zeit ihr Maximum an Beweglichkeit und wurden alsbald derart bleich, das einem Angst werden konnte. Beim Spielstand von 1:1 zeigte der Fußball, dass er zurecht mit dem Leben als solchem verglichen wird. Voller Überraschungen, verworrener Pässe, Glücksgefühle, aber auch größter Schmerzen. Denn nach wenigen Minuten schönen Fußballspielens verletzte sich ein "Molschder" ohne Fremdeinwirkung schwer. Nach einem Sprung nach dem Ball riß er sich die Bänder im Fußgelenk ab. Das Spiel war gelaufen. Gemeinsam wurden Frustbiere in der Küche der Leipziger getrunken. Ob ein Rückspiel gleich dort oder später abgemacht wurde, läßt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Es wurde jedenfalls auf dem Jahnsportplatz ausgetragen. Ob jemand die Tore dieser ersten Begegnung, die alle von der Leipziger 52 erzielt wurden, mitgezählt hatte, ist ungewiss. Gewiss aber ist, dass die Partie nach allen Regeln der sportlichen Kunst bis zum Erbrechen der weniger geübten Balldrescher durchgezogen wurde.



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